Im Rahmen der Tagung der Ernährungs Umschau, am 14.11.2025 in der Evangelischen Akademie in Frankfurt, widmete sich das Publikum aus Ernährungsfachkräften und inklusive Anouk Zoé Kuhn, den tiefen Wurzeln unseres Essverhaltens: dem inneren Kind, emotionalen Prägungen und den sozialen, psychologischen sowie strukturellen Bedingungen von Ernährung. Die Vorträge machten deutlich, dass Essen weit mehr ist als Nährstoffaufnahme – es ist eng verknüpft mit Emotionen, Identität, Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Normen.
Den Auftakt bildete Prof. Dr. Ulrike Gisch, Ernährungspsychologin an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sie stellte das DONE-Modell vor, das mit über 300 Determinanten verdeutlicht, wie komplex Essverhalten ist. Essen und Emotionen seien von Beginn an miteinander verbunden, weshalb Konzepte wie intuitives Essen nicht für alle Menschen gleichermaßen zugänglich seien. Soziale Erwartungen, ökonomische Hürden sowie Zeit- und Kostenfaktoren erschweren eine gesunde Ernährung. Prof. Dr. Gisch plädierte für gewichtsneutrale Beratung, für Gesundheits- statt Gewichtsziele und für mehr Forschung – insbesondere, da für Deutschland bislang kaum belastbare Daten vorliegen. Ein zentrales Thema war zudem die Stigmatisierung: Studien wie der Implicit Association Test der Harvard University zeigen tief verankerte Vorurteile, während Diversitätsfragen im Beratungskontext häufig unzureichend berücksichtigt werden. Hinzu komme, dass KI zunehmend zur Alltagsberaterin für Patient:innen werde – mit offenen Fragen zu Qualität und Verantwortung.
Anschließend beleuchtete Prof. Dr. Lotte Rose von der Frankfurt University of Applied Sciences die Frage „Warum essen wir, wie wir essen?“. Sie hinterfragte problemorientierte Narrative rund um Ernährung und kritisierte den verbreiteten Tunnelblick, der Essen vor allem als Problem darstellt – bis hin zur Aussage, dass wir unseren Planeten „kaputt“ essen. Besonders die Abwertung von Esslust zog sich als roter Faden durch ihren Vortrag. Essen sei jedoch Ausdruck von Beziehung, Identität, Gruppenzugehörigkeit, Kultur und Selbstbehauptung. Statt zu bewerten oder steuern zu wollen, brauche es ein aktives Zuhören und Anerkennen der individuellen Geschichten und Gründe hinter dem Essverhalten.
Cornelia Fiechtl knüpfte daran mit ihrem Vortrag zu intuitiver Ernährung und emotionalem Essen an. Sie unterschied klar zwischen intuitivem Essen als Begriff und als ganzheitlichem Konzept und betonte, dass Essen grundsätzlich bedingungslos für alle sein sollte. Im Zentrum stand die Frage, was der Körper braucht, um Menschen in ihren Zielen zu unterstützen – ergänzt durch Bewegung aus Freude statt Leistungsdenken. Fiechtl thematisierte dysfunktionale Glaubenssätze, Emotionsregulation und sogenannte Adverse Childhood Experiences (ACE’s) wie Mobbing, Diskriminierung oder emotionale Vernachlässigung. Beziehung, Raum und Sicherheit seien dabei zentrale Hebel, um Bewältigungsmechanismen zu verstehen und neue Wege im Umgang mit Essen zu eröffnen.
Den Abschluss bildete der Vortrag von Dr. Antonie Post, die den Fokus auf Selbstwirksamkeit, Weight Bias und Gewichtsstigmatisierung im Gesundheitswesen legte. Blickdiagnosen seien nicht nur fachlich problematisch, sondern hielten viele Menschen davon ab, frühzeitig medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der „dicke Körper“ fungiere häufig als gesellschaftliches Feindbild, obwohl Gesundheit immer im Zusammenspiel individueller, sozialer und struktureller Faktoren entstehe. Dr. Post betonte eindrücklich: Sprache ist der Schlüssel – und es braucht Räume, in denen Menschen gesehen, verstanden und ernst genommen werden.
Die Tagung machte deutlich: Wer Ernährung verändern will, muss tiefer schauen – auf emotionale Prägungen, gesellschaftliche Machtverhältnisse und strukturelle Barrieren. Nur so kann ein wertschätzender, gerechter und gesundheitsfördernder Umgang mit Essen für alle entstehen.